Villa Haas
Die Villa Haas in Sinn im Lahn-Dill-Kreis gehört zu den wenigen weitgehend vollständig überlieferten Villenparks des Historismus in Mittelhessen. Der Geheime Kommerzienrat Rudolf Haas (1843 bis 1916), Besitzer der Neuhoffnungshütte, beauftragte 1892 den Herborner Architekten Ludwig Hofmann (1862 bis 1933) mit Wohnhaus, Nebengebäuden und Garten. Entstanden ist ein Ensemble, in dem sich Bauwerk und Park gegenseitig erklären und in dem der Repräsentationsanspruch der Industriellenfamilien des Dilltals bis heute ablesbar bleibt.
Ein Park aus einer Hand
Weil Hofmann Haus und Garten gemeinsam entwarf, folgt die Anlage einem durchgehenden Gedanken. Unmittelbar am Gebäude liegen Terrassen in der Tradition des Renaissancegartens, weiter außen geht die Gestaltung in einen natürlich wirkenden Park über, der Anleihen beim englischen Landschaftsgarten nimmt. Dazwischen vermitteln typische Elemente des späten 19. Jahrhunderts: hell gekieste, geschwungen geführte Wege, die wegen ihrer verschlungenen Form Brezelwege genannt werden, dazu Teppichbeete und ein Gartenteich, dessen Ufer bewusst unregelmäßig und fjordartig geformt wurde.
Die Hanglage nutzte Hofmann als gestalterisches Mittel. Wege und Sichtachsen sind so geführt, dass die Anlage größer wirkt, als sie tatsächlich ist. Vom Haus aus öffnen sich gestaffelte Blicke in den Park und über das Dilltal, während umgekehrt der Turm der Villa von vielen Punkten des Gartens aus sichtbar bleibt und die Anlage optisch zusammenhält.
Grotte, Ruine und Teehaus
Der Park ist reich an Staffagebauten, wie sie der Historismus liebte. Eine aus Bruchstein aufgeschichtete Grotte und eine künstliche Ruine, in die ein Eiskeller eingebaut wurde, erzählen von der Vorliebe der Zeit für romantische Inszenierungen. Dazu kommt eine Eremitage, wie sie in Gärten des 18. und 19. Jahrhunderts als Ort der Einkehr inszeniert wurde. Ein Teehaus mit bunter Verglasung und einer Freitreppe aus rotem Buntsandstein diente als Aussichts- und Gesellschaftsort, ein Rondell bot Platz für Feste im Freien.
Hinzu kommen ein Springbrunnen mit halbrunden Sitznischen, ein Arkadengang mit angeschlossenem Grünhaus, das heute als Wintergarten genutzt wird, ein Spiegelteich sowie ein spiralförmig angelegter Schneckengang auf einem künstlich aufgeschütteten Hügel. Putten und ein angedeuteter Scheinfriedhof ergänzen die Ausstattung. In dieser Dichte sind solche Gartenbauten aus der Zeit der Industrialisierung nur noch selten beieinander erhalten.
Pflanzen und Gesteine
Im Park wachsen über einhundert verschiedene Pflanzenarten. Begünstigt wird der Bestand durch das milde Kleinklima des unteren Dilltals, das wärmer und niederschlagsärmer ist als das umgebende Bergland. Rhododendren säumen die Auffahrt, dazu kommen Gehölze, die um 1900 als exotisch galten, darunter Ginkgo, Zedern und Mammutbäume.
Eine Besonderheit ist die geologische Gesteinssammlung im Park. Eisenkiesel, Härtlinge, Vulkangesteine, Quarzite und Grünsteine verweisen auf die Bergbau- und Hüttentradition der Region, aus der das Vermögen der Bauherrenfamilie stammte. Das Unternehmen der Familie Haas verband Eisenverarbeitung mit eigenem Grubenbesitz und beschäftigte in seiner Blütezeit mehrere tausend Menschen. Der Garten wird damit zugleich zum Schaustück der eigenen wirtschaftlichen Herkunft.
Vom Selbstversorgergarten zum Denkmal
Bis in die späten 1960er Jahre versorgte sich das Anwesen weitgehend selbst. Zu den Nebengebäuden gehörten eine Gärtnerei mit Palmenhaus, ein Bienenhaus, ein Geflügelstall, Räume zum Trocknen und Fermentieren von Tabak sowie ein Anbau am großen Eiskeller, in dem Champignons gezogen wurden. Östlich schloss ein pomologischer Garten an, der bis heute Kirschgarten genannt wird.
Villa, Park und die Gesamtanlage Hansastraße/Rudolfstraße stehen wegen ihrer geschichtlichen und künstlerischen Bedeutung unter Denkmalschutz. Das Anwesen ist bis heute in Privatbesitz und bewohnt. Besichtigungen und Führungen sind nach Voranmeldung möglich, dazu kommen einzelne Veranstaltungen im Park und die Teilnahme am Tag des offenen Denkmals. Für Führungen wird eine Spende zugunsten einer gemeinnützigen Stiftung erbeten.
Häufige Fragen
Wer hat die Villa Haas und ihren Park entworfen?
Der Herborner Architekt Ludwig Hofmann. Rudolf Haas, Besitzer der Neuhoffnungshütte, beauftragte ihn 1892 mit Wohnhaus, Nebengebäuden und Garten, sodass Bauwerk und Park aus einem Entwurf stammen.
Was macht den Park gartengeschichtlich bedeutend?
Er ist eine der wenigen Villenparkanlagen des Historismus, die mitsamt ihren Gartenbauten überliefert sind. Grotte, künstliche Ruine mit Eiskeller, Teehaus, Rondell, Arkadengang und Schneckengang zeigen das Repertoire der Zeit um 1890 nahezu vollständig.
Kann man den Park der Villa Haas besichtigen?
Das Anwesen ist bewohnter Privatbesitz. Besichtigungen und Führungen sind nach Voranmeldung möglich, dazu kommen einzelne Veranstaltungen und der Tag des offenen Denkmals. Für Führungen wird eine Spende zugunsten einer gemeinnützigen Stiftung erbeten. Aktuelle Angaben macht die offizielle Website.
Bildergalerie
Alle Fotos dieser Galerie: Familie Müller-Airoldi
Vielen Dank für die Bereitstellung der Bilder